Vorträge von Stärke-Spezialisten und Verleihung der Saare-Medaille in Detmold
Starch Convention 2026
Bereits zum 77. Mal traf sich die internationale Stärke-Community auf dem Schützenberg. Zwanzig Referenten teilten am 14. und 15. April neueste Forschungsergebnisse und innovative Ansätze zu Stärkestrukturen, Biokatalyse, Industrieanwendungen und Nebenströmen.
Von links: Konstantin Golombek (Geschäftsführer Arbeitsgemeinschaft Getreideforschung e. V.), Maurice Essers (WFBR Netherlands, Mitglied AGF-Stärke-Fachausschusses, Laudatio für Prof. Dr. Lubbert Dijkhuizen), Prof. Dr. Lubbert Dijkhuizen (CarbExplore Research BV Groningen), Renate Weiß (Agrana Research & Innovation Center, Mitglied AGF-Stärke-Fachausschuss, Laudatio für Dr. Manik Wastyn), Dr. Götz Kröner (Kröner Stärke GmbH Ibbenbühren, Präsident AGF). Im Hintergrund: Dr. Marnik Wastyn (Agrana Research & Innovation Center).
© AGF
Götz Kröner als Vorsitzender des Stärke-Ausschusses der AGF begrüßte die Teilnehmer. Er betonte, dass die energieintensive Stärkeindustrie auch durch politische Entwicklungen vermehrten Herausforderungen entgegensteht und freute sich auf die Präsentationen zu möglichen Lösungsansätzen dazu.
Thematisch ging es zu Beginn um Mikrobiologie, Strukturen und Analysen. Prof. em. Birte Svensson von der Technical University of Denmark berichtete über Studien zur enzymatischen Modifikation und Abbau bei granulierter Stärke. Maurice Essers, WFBR Niederlande, sprach über die Dual-Enzym-induzierte Polymerisation zur Synthese von hyperverzweigten, hochmolekularen α-Glucanen und Prof. Dr. Lubbert Dijkhuizen, der am nächsten Tag mit der Saare-Medaille ausgezeichnet wurde, stellte Ergebnisse zur Charakterisierung neuartiger stärke-modifizierender Alpha-Glucanotransferase-Enzyme und ihrer Alpha-Glucan-Produkte vor. Bei Dr. Slavko Kralj, IFF Niederlande, ging es um den konkreten Einsatz von Enzymen für Biomaterialien, die bereits in Verpackungen, Düften, aber auch z.B. in Conditionern eingesetzt werden.
Prof. Dr. Daniel Wefers thematisierte die Herausforderungen und Perspektiven bei der strukturellen Charakterisierung von enzymatisch modifizierter Stärke, bevor Dr. Mayank Sharma seine neuesten Einblicke in die Biogenese von granulierter Stärke und die Rolle nicht-enzymatischer Proteine dabei zeigte. Dr. Brittany Hazard vom John Innes Centre (UK) stellte vor, wie die Modifikation der Stärke in Brotweizen zur Verbesserung der Nährwertqualität genutzt werden kann. Ein Panel neuer Stärkemutanten mit neuartigen Eigenschaften wurde dazu entwickelt und erste Studien zur Brotverdaulichkeit identifizierten bereits Linien mit reduzierter Stärkedigestibilität.
Von der Theorie zur Praxis
Mykotoxine in Mais stellen ein zentrales Problem für die Stärke- und Futtermittelindustrie dar, da sie bereits im Rohstoff vorhanden sind und sich in proteinreichen Fraktionen wie Maisklebermehl stark anreichern. Klimatische Stressfaktoren verstärken die Belastung zusätzlich. Renate Weiß von Agrana zeigte in ihrem Vortrag verschiedene Minderungsstrategien. Besonders wirksam sei eine alkalische Behandlung von Maisklebermehl: Sie kann Mykotoxine um bis zu 80% reduzieren und liefert hochwertige Futtermittelprodukte mit hohem Proteingehalt. Allerdings verändert das zum Patent angemeldete Verfahren die Produkteigenschaften deutlich und verursacht höhere Kosten durch Chemikalieneinsatz und zusätzliche Prozessschritte.
Associate Professor Magdalena Zdanowicz von der West Pomeranian University of Technology, Szczecin (Polen) präsentierte Studien über durch Thermoplastifizierung hergestellte Stärken, die z. B. in Verpackungen oder in der Landwirtschaft eingesetzt werden können. Sie weisen zusätzliche Funktionen auf, etwa UV-Schutz, Leitfähigkeit, Flammschutz oder bessere Haftung in Verbundmaterialien. Francesco Filippi, AVEBE Niederlande zeigte, wie native Stärke durch Verfahren wie Extrusion gezielt funktional verändert werden kann, um chemisch modifizierte Stärken im Clean-Label-Kontext zu ersetzen. Dabei werden Struktur und Eigenschaften allein durch Wärme, Feuchte und mechanische Scherkräfte angepasst. Das Verfahren gilt als gut skalierbar und ermöglicht maßgeschneiderte Zutaten für verschiedene Anwendungen (z. B. Saucen, Backwaren, Milchalternativen), bei gleichzeitig einfacher Zutatenliste.
KI, Algen und Nebenströme
Wie Forschung auch im Stärkebereich durch die KI-Plattform scienceOS unterstützt werden kann, zeigte Henri Max Deda. Dr. Gatien Fleury, CEA Cadarache (Frankreich) stellte vor, wie Mikroalgen als Stärke-Rohstoff ein Weg zu nachhaltigen Biokunststoffen sein können. Um Elektrifizierung und Flexibilitätspotenzial in der Stärkeindustrie ging es bei Michael Haendel vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung. Dr. Willi Witt, ProAmid Consult, Tecklenburg, präsentierte seine Ideen zur Veränderung der Stärke- und Proteinverarbeitung – hin zu einer Verwandlung von Nebenströmen mit niedrigem Wert in Produkte und Energie mit hohem Wert. Max Brennecke vom Max Rubner-Institut (Deutschland) zeigte Untersuchungen zur Erhöhung des Nährwertes von Kartoffelprodukten durch Anreicherung mit nachhaltig erzeugten Ballaststoffen. Dafna Gabbay, Finally Foods Ltd (Israel), erläuterte online zugeschaltet ihr Start-up-Projekt, die Zucht von Milcheiweiß in Kartoffeln.
Im Themenbereich Herstellung berichtete Sharline Nikolay vom Max Rubner-Institut über die Auswirkungen von Mehrfachvermahlung und Luftklassierung auf die stärke- und proteinreichen Fraktionen von Ackerbohnen. Halil Ibrahim Yalgin (GPPE, Türkei) befasste sich mit der Produktion von Maisstärke. Für ihn ist ein Verständnis der Grundlagen des Nassmahlens und die Beachtung der je nach Region unterschiedlichen Korneigenschaften entscheidend für den betriebswirtschaftlichen Erfolg. Dr. Yannik Stark von GEA stellte das meVap-System vor, eine industrielle Wärmepumpenlösung zur Dampferzeugung.
Verleihung der Saare-Medaille
Anlässlich der 77. Starch Convention wurden Prof. Dr. em. Lubbert Dijkhuizen und Mag. Dr. Marnik Wastyn mit der Saare-Medaille ausgezeichnet. Mit der Verleihung ehrte die AGF in diesem Jahr zwei herausragende Wissenschaftler und Praktiker, die in beispielhafter Weise wissenschaftliche Forschung mit der Praxis verbunden haben.
Prof. Dr. em. Lubbert Dijkhuizen ist seit 1990 Professor für Mikrobiologie und Leiter der Forschungsgruppe für mikrobielle Physiologie an der Universität Groningen/Niederlande. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der biotechnologischen und molekularbiologischen Erforschung von Mikroorganismen, insbesondere von grampositiven Bakterien. Durch Analyse und gezielte Veränderung von Genen, Stoffwechselprozessen und Enzymen macht er diese für industrielle und medizinische Anwendungen nutzbar. Lubbert Dijkhuizen publizierte über 250 Artikel, meldete 30 Patente an und gab über 100 internationale Seminare und Vorträge. Als Referent und Teilnehmer war er viele Jahre bei der Starch Convention der AGF in Detmold aktiv.
Mag. Dr. Marnik Wastyn studierte Biologie und Biochemie in Belgien und Österreich. 1988 absolvierte er an der Universität Wien seine Promotion und stieg als Gruppenleiter in der Zuckerforschung Tulln GmbH ein. Sein Forschungsschwerpunkt lag bei der Erforschung von Stärkerohstoffen und der alternativen Nutzung von Nebenströmen der Stärkeherstellung. Später kam die Entwicklung von Stärkehaltigen Klebstoffen, Flockungs- und Bindemitteln sowie Beschichtungsmitteln hinzu. 2003 wurde er Forschungsleiter, 2008 Geschäftsführer des Agrana Research und Innovation Center. Bis 2025 leitete er das Unternehmen und war 15 Jahre lang Mitglied im Stärke-Fachausschuss bei der AGF. Die Starch Convention gestaltete er mehrfach als Referent aktiv mit. Seine Leistungen spiegeln sich in 195 Patentanmeldungen und 29 Publikationen wider.